Die jüdische Familie Weinberg hatte das Haus in der Schüttingstraße 13 im Jahr 1905 bezogen – zunächst zur Miete. 1911 erwarb es Vater Wolf Weinberg für die Familie (Ehefrau Rose sowie die Kinder Adolf, Jette, Julie, Ernst und Johanne). Er betrieb dort einen Handel mit Altstoffen (An- und Verkauf von Rohprodukten wie Altmetall, Papier, Felle). Der zweitälteste Sohn Ernst übernahm das Gewerbe nach dem Tod des Vaters (1919), der älteste Sohn Adolf wurde Viehhändler in Jever. Freilich wurde es für Ernst Weinberg nach 1933 immer schwieriger, sein Gewerbe auszuüben. 1937 richtete er mit seiner ebenfalls unverheirateten Schwester Henriette (Jette) in der Schüttingstraße 13 ein Altenheim für pflegebedürftige Juden ein. In der Folge – und bis zum 22. Oktober 1941 – lebten insgesamt 16 Personen in dem Gebäude, einige vier Jahre, andere wenige Wochen. Von ihnen überlebte nur Reline Bermann, die im Mai 1939 nach Brasilien ausreisen konnte. Am 22. Oktober 1941 wurden sechs der zuletzt acht Bewohner ins Ghetto Lodz deportiert, darunter Ernst und Jette Weinberg. Zwei weitere Bewohner wurden in eine “Heil- und Pflegeanstalt” bei Koblenz gebracht, von wo aus sie im Mai und Juni 1942 weiter in ein Ghetto bzw. ein Vernichtungslager im Osten deportiert wurden und nicht überlebten.

Das Gebäude in Varel wurde geräumt, das Mobiliar und die Habseligkeiten der Bewohner wurde öffentlich versteigert. Nirgendwo in den Bekanntmachungen zur Versteigerung stand etwas über die vormaligen Besitzer: „Der Hintergrund dürfte jedoch den durch Mundpropaganda und Gerüchte über die Deportationen informierten Vareler Bürgern bekannt gewesen sein“, sagt der Vareler Historiker Holger Frerichs.

In das leere Gebäude Schüttingstraße 13 wurden 24 Bewohner des jüdischen Altenheims in Emden einquartiert. Einer von ihnen starb im Mai 1942, die anderen 23 wurden am 22. Juli 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Von ihnen überlebte niemand.

Seit 2020 hat der Arbeitskreis Juden in Varel einen Raum in dem Gebäude Schüttingstraße 13 gemietet. Er richtet dort einen Erinnerungsort ein und gibt interessierten Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit, sich mit der Geschichte der Vareler Juden auseinanderzusetzen. Der Arbeitskreis ist Mitglied der Agenda Varel.