Abb.: Foto vom Abtransport der Männer und Frauen im Oktober 1941 vom Bahnhof Emden nach Berlin. Das Foto wurde später in der nationalsozialistischen „Ostfriesischen Tageszeitung“ vom 11. Februar 1942 im Rahmen eines antisemitischen Hetzartikels veröffentlicht.

Ausführliche Dokumentationen zu den beiden Deportationen finden Sie hier:

Oktober 1941
Juli 1942

Deportation von sechs Bewohnern und Bewohnerinnen im Oktober 1941

Von Holger Frerichs

Die jüdische Familie Weinberg lebte ab 1905 in Varel zunächst zur Miete am Bleichenpfad 5 und dann in der Schüttingstraße 13. 1911 erwarb der Vater Wolf Weinberg für die Familie (Ehefrau Rose sowie die Kinder Adolf, Jette, Julie, Ernst und Johanne) das Grundstück in der Schüttingstraße 13. Er betrieb dort einen Handel mit Altstoffen (An- und Verkauf von Rohprodukten wie Altmetall, Papier, Felle). Die Witwe und der zweitälteste Sohn Ernst übernahmen das Gewerbe nach dem Tod des Vaters (1919), da der älteste Sohn Adolf Viehhändler in Jever wurde.

Für Ernst Weinberg wurde es nach 1933 angesichts nationalsozialistischer Boykottausrufe immer schwieriger, sein Gewerbe auszuüben. 1937 richtete er mit seiner ebenfalls unverheirateten Schwester Jette in der Schüttingstraße 13 ein Altenheim für pflegebedürftige Juden ein.

In der Folge – bis zum 22. Oktober 1941 – lebten insgesamt 16 Personen in dem Gebäude, einige vier Jahre, andere wenige Wochen. Von ihnen überlebte nur Reline Bermann die NS-Zeit, da sie nach einem Aufenthalt im Heim im Mai 1939 nach Brasilien emigrieren konnte.

Am 22. Oktober 1941 wurden sechs der zuletzt acht Bewohner ins Ghetto Lodz deportiert, darunter Ernst und Jette Weinberg. Zwei weitere Bewohner wurden in eine „Heil- und Pflegeanstalt“ bei Koblenz gebracht, von wo aus sie im Mai und Juni 1942 weiter in ein Ghetto bzw. ein Vernichtungslager im Osten deportiert wurden und nicht überlebten.

Von den sechs nach Lodz Deportierten aus Varel überlebte niemand. Fünf starben im Ghetto Lodz, eine Frau wurde von dort noch zur Ermordung von den Nationalsozialisten in das nahe gelegene NS-Vernichtungslager Chelmno (damalige deutsche Ortsbezeichnung: Kulmhof) verschleppt.

Mobiliar und die Habseligkeiten der deportierten Bewohner/innen wurde öffentlich im damaligen „Deutschen Haus“ am Neumarktplatz versteigert. Nirgendwo in den Ankündigungen zur Versteigerung stand etwas über die vormaligen Besitzer. Der Hintergrund dürfte jedoch den durch Mundpropaganda über die Vorgänge in der Schüttingstraße informierten Vareler Bürgern bekannt gewesen sein.

In das Gebäude Schüttingstraße 13 wurden anschließend durch die Gestapo / Staatspolizeistelle Wilhelmshaven 23 Bewohner des jüdischen Altenheims in Emden und eine Frau des Altenheimes Nordenhams einquartiert.

Deportation der letzten 23 Bewohner und Bewohnerinnen im Juli 1942

Von Hans Begerow

Die letzte Wohnadresse vor ihrer Deportation war für 23 Männer und Frauen das jüdische Altenheim in der Schüttingstraße 13 in Varel. im Juli 1942 wurden die letzten Bewohner dort abgeholt. Überlebt hat niemand von ihnen.

Die 23 Bewohner des jüdischen Altenheims in der Schüttingstraße 13 wussten, dass sie Varel am 23. Juli 1942 verlassen mussten. Sie waren von ihrer „Umsiedlung“ nach Theresienstadt informiert worden. Zwei von ihnen, Betti und Louis Wolff, schrieben noch am 22. Juli „innige Grüße“ an Verwandte und Freunde nach Schweden: „Küsst die lieben Kinder und nehmt innigen Dank von Eurer Betti und Louis“. Die Postkarte ist ein berührendes Dokument und eines der wenigen Schriftstücke, das aus dem Leben der Bewohner des Altenheims erhalten ist.

Louis Wolff wurde 1890 in Emden geboren. Er betrieb eine jüdische Bäckerei, die er von seinem Vater übernommen hatte. 1922 heiratete er seine Frau Betti, die 1898 in Esens als Betti Weinberg geboren worden war. Bis 1939 konnte Wolff seine Bäckerei betreiben, dann musste er mit seiner Frau das Wohn- und Geschäftshaus verlassen. Ab 1941 wohnten sie im jüdischen Altenheim in Emden und fungierten dort als Heimleiter. Die 24 Bewohner des jüdischen Altenheims in Emden wurden Ende Oktober 1941 nach Varel in das zuvor geräumte jüdische Altenheim der Geschwister Ernst und Jette Weinberg gebracht.

Die neuen Bewohner mussten sich in der Schüttingstraße sieben – teils sehr kleine – Räume teilen. Louis Wolff war auch der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde Emden. Er hatte offenbar die handgeschriebene Chronik der jüdischen Schule Emden mit nach Varel gebracht und auf dem Dachboden der Schüttingstraße 13 versteckt. 52 Jahre später, 1994, wurde sie bei Renovierungsarbeiten entdeckt und befand sich lange in Privatbesitz, bevor sie Tom Brok (früher Pfarrer in Büppel, jetzt in Oldenburg) aufspürte. Die Finder der handgeschriebenen Kladde hatten sie zwar aufgehoben, aber die Bedeutung des Fundstücks nicht erkannt.

Am 23. Juli 1942 wurden die letzten 23 Bewohner der Schüttingstraße 13 zum Vareler Bahnhof gebracht und in einem Waggon der Reichsbahn nach Bremen gefahren, In einem Schreiben zur Todeserklärung der Altenheim-Bewohnerin Fanny Wolff hatte die Israelitische Gemeinde Bremen 1951 die Umstände der Deportation geschildert: „Es ist … bekannt, dass das jüdische Siechenheim in Varel im Juli 1942 durch die Gestapo Wilhelmshaven aufgelöst und sämtliche Insassen … in einem Eisenbahnwagen nach Bremen transportiert wurden. Dort wurde der Eisenbahnwagen dem von Bremen abgehenden Transport angehängt.“ Die Deportierten aus Varel wurden also zusammen mit den Bremer Juden deportiert. Über Hannover erreichte der Zug Theresienstadt bei Prag. „Damit ist der Bereich der Stapo Wilhelmshaven von kennzeichnungspflichtigen Juden gesäubert“, meldete am 29. Juli 1942 die Geheime Staatspolizei an die Abteilung „Judenangelegenheiten“ des Reichssicherheitshauptamts.

Das Schicksal der Bewohner des jüdischen Altenheims: 16 von ihnen starben in Theresienstadt, sieben wurden später ins Vernichtungslager  Auschwitz deportiert, wo sie umkamen. Unter diesen sieben waren auch Louis Wolff  (im September 1944) und seine Frau Betti (im Oktober 1944).